Marseille 1993: Der Europapokal, den ihnen niemand nahm
Zweiunddreißig Jahre lang hatte Frankreich genau einen Europapokal der Landesmeister. Jetzt sind es drei: PSG gewann die Champions League 2025 und verteidigte den Titel 2026. Dieser Kontrast hat eine Frage zurück in die Debatte gebracht, die in Frankreich seit Jahrzehnten falsch beantwortet wird: Hat man Marseille den Titel von 1993 nun weggenommen oder nicht?
Das Finale von München
26. Mai 1993, Olympiastadion München, rund 64.400 Zuschauer und der Schweizer Schiedsrichter Kurt Röthlisberger. Olympique Marseille unter Raymond Goethals gegen den Milan von Fabio Capello, der als beste Mannschaft des Kontinents anreiste.
Marseille gewann 1:0. Das Tor erzielte Basile Boli per Kopf nach einer Ecke von Abedi Pelé, kurz vor der Pause. Danach folgten fünfundvierzig Minuten Abwehrarbeit und sonst nichts.
Die Aufstellung von Marseille sagt alles über diese Mannschaft: Barthez im Tor; Angloma, Boli, Desailly und Di Meco in der Abwehr; Eydelie, Kapitän Deschamps, Sauzée und Abedi Pelé im Mittelfeld; Völler und Bokšić im Sturm. Auf der anderen Seite Rossi, Tassotti, Costacurta, Baresi, Maldini, Rijkaard, Van Basten. Und ein Detail mit bitterem Beigeschmack: In der 58. Minute brachte Milan Jean-Pierre Papin, einen Franzosen und bis zum Sommer zuvor Idol des Vélodrome. Er verlor ein Endspiel im Europapokal der Landesmeister gegen seinen früheren Klub.
Der Weg bis dorthin
Jene Ausgabe kannte kein Halbfinale. Gespielt wurden zwei Vierergruppen, und die beiden Gruppensieger zogen direkt ins Endspiel ein. Der Weg von Marseille:
- Erste Runde: 8:0 nach zwei Spielen gegen den nordirischen Klub Glentoran, 5:0 auswärts und 3:0 zu Hause.
- Zweite Runde: 2:0 nach zwei Spielen gegen Dinamo Bukarest, nach einem 0:0 in Rumänien.
- Gruppe A: Erster mit 9 Punkten, drei Siegen und drei Unentschieden, ungeschlagen gegen Rangers, Brügge und CSKA Moskau.
- Die Vorgeschichte: Zwei Jahre zuvor hatten sie das Finale von 1991 in Bari gegen Roter Stern Belgrad verloren, 0:0 und 5:3 im Elfmeterschießen, mit einem Fehlschuss von Amoros.
Hinter alldem stand Bernard Tapie, von 1986 bis 1994 Präsident des Klubs. Unter seiner Führung holte Marseille fünf Meisterschaften in Serie, von 1988/89 bis 1992/93, dazu 1989 den französischen Pokal und 1993 den Europapokal. Die letzte dieser Meisterschaften wurde dem Klub am Ende wieder aberkannt.
Was sechs Tage zuvor geschah
Am 20. Mai 1993, sechs Tage vor dem Finale von München, gewann Marseille 1:0 auf dem Platz von Valenciennes. Aus diesem Spiel entstand ein Verfahren, das die Geschichte des Klubs verändern sollte. Die französische Liga erstattete am 8. Juni Anzeige, und von da an folgte eine Strafe auf die nächste.
Am 6. September 1993 schloss die UEFA Marseille von der Champions League 1993/94 aus und entzog dem Klub den europäischen Supercup und den Weltpokal, die ihm als Titelträger zustanden. Am 22. September aberkannte der französische Verband den Meistertitel von 1992/93. Und am 22. April 1994 schickte er den Klub per Beschluss in die Division 2, während die Meisterschaft noch lief und obwohl die Mannschaft am Ende sportlich Zweiter werden sollte.
Mit dem Abstieg war die Strafe nicht zu Ende. Marseille gewann 1994/95 die Division 2, doch die Finanzaufsicht verweigerte den Aufstieg. In der Saison darauf wurde der Klub Zweiter, und diesmal klappte es: Zurück ins Oberhaus ging es 1996/97. Kurioserweise durfte er aus der zweiten Liga heraus sehr wohl im UEFA-Pokal 1994/95 antreten: Schluss war dort in der zweiten Runde gegen den Schweizer Klub Sion.
Die Meisterschaft ohne Meister
Die Strafe hinterließ eine Lücke, die niemand füllen wollte. Marseille hatte die Saison als Erster beendet, PSG als Zweiter. Nach der Aberkennung stand der Titel dem Vizemeister zu. Und PSG lehnte ab. Die Saison 1992/93 der französischen Liga ist bis heute ohne Meister verzeichnet.
In Europa wurde die Lücke sehr wohl gefüllt: Milan, der Unterlegene von München, spielte an Marseilles Stelle den Supercup 1993, den die Italiener gegen Parma verloren, und im Dezember den Weltpokal, den São Paulo mit 3:2 gewann.
"Marseille verlor den Meistertitel von 1993 und behielt den Europapokal von 1993. Beides aus derselben Saison."
Warum der Europapokal blieb
Hier ist die Antwort auf die Frage vom Anfang, und sie lautet klar nein: Die UEFA hat den Titel von 1992/93 nie annulliert. Marseille steht in der offiziellen Siegerliste weiterhin als Europapokalsieger jener Saison, ohne Sternchen und ohne Einschränkung.
Die Unterscheidung ist juristischer Natur und ziemlich einfach. Nachgewiesen wurde etwas, das ein Spiel der französischen Meisterschaft betraf, nicht den europäischen Wettbewerb. Die UEFA verhängte deshalb eine Strafe mit Wirkung für die Zukunft, raus aus der nächsten Champions League, raus aus dem Supercup, raus aus dem Weltpokal, rührte aber einen Titel nicht an, der auf dem Platz gewonnen worden war, in München, gegen Milan. Deshalb ist und bleibt Olympique Marseille der erste französische Klub, der den Europapokal der Landesmeister gewonnen hat.
Auf den zweiten musste Frankreich zweiunddreißig Jahre warten. PSG gewann 2025 seine erste Champions League mit einem 5:0 gegen Inter, und zwar ausgerechnet in München, in derselben Stadt wie Marseille. 2026 verteidigte der Klub den Titel gegen Arsenal in Budapest, 1:1 und 4:3 im Elfmeterschießen, und war damit die erste Mannschaft seit Real Madrid, die den Pokal behielt. Frankreich ist in zwei Spielzeiten von einem Europapokal auf drei gekommen.
- Simuliere die komplette Champions League und führe dein Team bis ins Finale.
- Ändere das Ergebnis einer beliebigen Runde und sieh zu, wie sich das Tableau neu aufbaut.
- Simuliere die ganze Ligue 1 und entscheide, ob PSG wieder Meister wird.
- Nutze den Supercomputer und sieh dir die Wahrscheinlichkeit jedes Klubs in der Ligaphase an.
"Öffne den Champions-League-Simulator und finde den nächsten überraschenden Sieger."
