Ajax und De Toekomst: die Talentfabrik, die nicht hält
Jorrel Hato kam 2018 mit elf Jahren in die Ajax-Akademie. 2022 unterschrieb er mit sechzehn seinen ersten Profivertrag, im Februar 2023 debütierte er in der ersten Mannschaft, wurde später der jüngste Kapitän der Vereinsgeschichte und wechselte im Sommer 2025 für rund 40 Millionen Euro inklusive Boni zum FC Chelsea. Er war 19 Jahre alt. Zwischen seiner Ankunft in De Toekomst und seinem Abgang in die Premier League lagen sieben Spielzeiten; zwischen seinem Debüt und seinem Verkauf gut zwei.
Diese Abfolge fasst den aktuellen Zustand des berühmtesten Nachwuchsleistungszentrums Europas ziemlich gut zusammen. Die Niederlande, ein Land mit 18,15 Millionen Einwohnern laut dem statistischen Zentralamt CBS Mitte 2026, bringen weiterhin Fußballer von höchstem Niveau in einem Tempo hervor, das weder zur Größe noch zum Budget des Landes passt. Verändert hat sich nicht die Fabrik, sondern die Zeit, die die Produkte zu Hause bleiben.
De Toekomst: die Zukunft, wörtlich genommen
Der Komplex wurde am 14. August 1996 nach drei Jahren Bauzeit eröffnet und ersetzte die alte Anlage in Voorland. Er liegt in Ouder-Amstel am östlichen Rand von Amsterdam, direkt neben der kurz zuvor errichteten Johan Cruyff Arena. Der Name ist keine gesuchte Metapher: De Toekomst heißt auf Niederländisch wörtlich die Zukunft, und genau diese Funktion wurde dem Gelände zugedacht.
Die Idee von 1996 war, die gesamte Spielerentwicklung an einem einzigen Ort zu bündeln. Nicht nur Trainingsplätze, sondern auch Klassenräume für die schulische Ausbildung, Räume für Regeneration und Physiotherapie sowie ein Zentrum für Videoanalyse für die taktische Arbeit. Ein Dreizehnjähriger kann dort den Großteil seines Tages verbringen, zur Schule gehen und trainieren, ohne das Gelände zu verlassen. Dieses Modell haben später, mehr oder weniger originalgetreu, ein halbes Dutzend europäischer Akademien kopiert.
Das TIPS-Modell: vier Buchstaben, die über ein Kind entscheiden
Der klassische Rahmen, mit dem Ajax Talent bewertet hat, ist als TIPS bekannt, das Kürzel der vier niederländischen Wörter Techniek, Inzicht, Persoonlijkheid und Snelheid: Technik, Spielübersicht, Persönlichkeit und Schnelligkeit. Es ist kein geschlossenes Punktesystem, sondern ein Beobachtungsraster, das die Scouts schon in den jüngsten Altersklassen anlegen.
Technik meint Ballkontrolle, Dribbling und Passspiel auf engem Raum. Inzicht ist das Lesen des Spiels: früher als alle anderen zu erkennen, wo der Ball sein wird. Persönlichkeit umfasst Mentalität, Führungsanspruch und Frustrationstoleranz. Und Snelheid meint nicht nur Schnelligkeit in den Beinen, sondern Schnelligkeit in der Entscheidung. Die Besonderheit des Ansatzes liegt in der Rangfolge: Die Scouts von Ajax haben historisch dazu geneigt, Übersicht, Persönlichkeit und Schnelligkeit höher zu gewichten als reine Technik, mit dem Argument, dass Technik trainierbar ist und die anderen drei sehr viel schwerer zu vermitteln sind.
Wie gescoutet und wie ausgebildet wird
Jahrzehntelang war das Muster dasselbe: sehr früher Einstieg, zwischen sieben und neun Jahren, fast immer aus dem Großraum Amsterdam und der Umgebung. Kenneth Taylor und Ryan Gravenberch kamen 2010 gemeinsam mit Brian Brobbey in die U8; Daley Blind kam mit acht Jahren, Justin Kluivert ebenfalls mit acht, im Jahr 2007. Die Pyramide war von unten an schmal: wenige Auserwählte, sehr früh.
Das andere Element des Systems ist Jong Ajax, die zweite Mannschaft, die seit der Saison 2013/14 in der Eerste Divisie spielt, der zweiten Profiliga der Niederlande. Sie kann nicht aufsteigen und nimmt nicht am niederländischen Pokal teil: Sie existiert einzig und allein dafür, dass Spieler zwischen 17 und 21 Jahren Partien im Erwachsenen- und Wettkampffußball sammeln statt in Jugendturnieren. Sie ist die einzige zweite Mannschaft, die je eine Profiliga in den Niederlanden gewonnen hat, die Eerste Divisie 2017/18.
Im September 2025 kündigte Ajax allerdings an, mit der eigenen Tradition zu brechen. Der Klub schaffte die U8 ab, ergänzte ein zweites U12-Team, um spätere Einstiege zu ermöglichen, und führte zwei neue Strukturen ein: die Ajax Regionale Trainingen, wöchentliche Einheiten für unter Elfjährige bei Partnervereinen in Hoorn, Bussum, Almere und Haarlem sowie an einem Standort in Amsterdam, und die Ajax Voetbalschool als Zwischenschritt vor der eigentlichen Akademie. Fußballdirektor Marijn Beuker begründete den Wandel mit einem klaren Argument: Man wolle lieber viele Spieler gut kennen, als zu früh eine zu enge Auswahl zu treffen, denn mit acht Jahren wähle man am Ende diejenigen aus, die körperlich früher reifen, und es gebe Qualitäten wie die Spielübersicht, die mitunter erst mit neun sichtbar werden. Als Vorbilder wurden Atlético Madrid, Athletic Club und Real Sociedad genannt.
Wer wirklich von dort gekommen ist
Die historische Liste kennt jeder: Johan Cruyff, Dennis Bergkamp, Clarence Seedorf, Patrick Kluivert, Edwin van der Sar. Seedorf debütierte mit sechzehn Jahren und 242 Tagen und war damit der jüngste Spieler der Vereinsgeschichte zu jenem Zeitpunkt; Kluivert erzielte 1995 als Junge aus dem eigenen Nachwuchs das Tor im Finale der Champions League.
Die jüngere Liste ist kürzer, aber genauso einträglich. Matthijs de Ligt, Kapitän der Mannschaft, die 2019 das Halbfinale der Champions League erreichte, wechselte noch im selben Juli für 75 Millionen Euro zu Juventus Turin. Donny van de Beek ging im September 2020 für rund 39 Millionen plus Boni zu Manchester United. Ryan Gravenberch, der jüngste Debütant der Ajax-Geschichte, unterschrieb 2022 bei Bayern München. Jurriën Timber, seit 2014 in der Akademie, ging im Juli 2023 für 40 Millionen, auf 45 aufstockbar, zum FC Arsenal. Kenneth Taylor, der 2010 in die U8 gekommen war, bestritt 184 Spiele für die erste Mannschaft, ehe er im Januar 2026 für rund 15 Millionen plus Boni zu Lazio Rom wechselte.
Hier ist eine Klarstellung angebracht, die fast nie gemacht wird. Nicht alles, was im Ajax-Trikot geglänzt hat, kam aus De Toekomst. Frenkie de Jong, der in jeder Liste von Ajax-Eigengewächsen auftaucht, wurde ab dem achten Lebensjahr in der gemeinsamen Akademie von Willem II ausgebildet und kam im August 2015 mit achtzehn Jahren nach Amsterdam, mit bereits absolvierten Eredivisie-Spielen. Christian Eriksen kam mit sechzehn in die Akademie, nachdem er in Dänemark ausgebildet worden war. Mika Godts kam im Januar 2023 von Genk. Das sind gelungene Transfers, keine Produkte des Hauses, und sie mit hineinzurechnen bläht die Statistik künstlich auf.
Das Gegengewicht: produzieren heißt nicht mehr behalten
Die Mannschaft, die 2018/19 das Halbfinale der Champions League erreichte, fiel in weniger als achtzehn Monaten auseinander. De Ligt ging nach Turin und Frenkie de Jong im selben Sommer 2019 nach Barcelona, van de Beek in der Saison darauf zu United. Dieser Kader spielte keine zweite gemeinsame Saison, und das ist seither das Muster: Je besser der Jahrgang, desto schneller löst er sich auf.
Die Ursache ist arithmetisch. Die Ausgabe 2026 der Deloitte Football Money League verzeichnete, dass die zwanzig einnahmenstärksten Klubs der Welt in der Saison 2024/25 erstmals gemeinsam 12 Milliarden Euro überschritten, mit neun Vertretern der Premier League darunter. Kein niederländischer Klub kommt an dieses Feld heran. Bei einem derart strukturellen Unterschied kämpft ein Verein wie Ajax nicht darum, einen Zwanzigjährigen zu halten: Er kämpft darum, ihn gut und rechtzeitig zu verkaufen. Der Verkauf von Spielern ist kein Betriebsunfall des Modells, er ist das Modell.
Der sportliche Preis war spürbar. Die Saison 2023/24 war die schlechteste des Klubs seit Jahrzehnten: Nach einem Absturz auf Platz 18 und der Entlassung von Maurice Steijn im Oktober beendete Ajax die Spielzeit als Fünfter, die schlechteste Platzierung seit 1999/2000, womit eine Serie von 23 Saisons in Folge unter den ersten vier riss, bei 61 Gegentoren, dem höchsten Wert seit 1958/59. 2024/25 gab es eine Reaktion mit Platz zwei und 78 Punkten hinter der PSV, doch 2025/26 wurde es erneut nur Rang fünf mit 56 Punkten, ohne Champions League und mit einem Ticket lediglich für die Conference League. Der Titel ging wieder an die PSV, ihre siebenundzwanzigste Meisterschaft und die dritte in Folge, perfekt gemacht am 5. April 2026, so früh wie nie zuvor in der Geschichte der Eredivisie.
Und hier liegt die ehrliche Nuance. Die Akademie hat nicht aufgehört zu produzieren: Hato kam 2018, Taylor 2010 in die U8, und der Klub gibt jede Saison weiter jungen Spielern ihr Debüt. Verändert haben sich die Größenordnung des Ertrags und der Zeitpunkt des Abgangs. Die 75 Millionen für De Ligt im Jahr 2019 haben sich nicht mehr wiederholt; Taylor ging für ein Fünftel dieser Summe. Und der Klub selbst räumte implizit ein Problem im Nachschub ein, als er 2025 sein Scoutingsystem von Grund auf umbaute. Niemand baut das Eingangstor einer Fabrik um, die gut läuft.
Auch der Kontext der Nationalmannschaft taugt nicht zur Heldenerzählung. Bei der WM 2026 gewannen die Niederlande die Gruppe F ungeschlagen, mit einem 2:2 gegen Japan und Siegen von 5:1 über Schweden und 3:1 über Tunesien, schieden aber am 30. Juni im Sechzehntelfinale in Monterrey gegen Marokko aus: 1:1, und Marokko gewann das Elfmeterschießen mit 3:2. Es war ihr frühestes Aus bei einer Weltmeisterschaft seit 2006.
"De Toekomst produziert weiter Spitzenfußballer; was es nicht mehr produziert, ist die Zeit, sie in Amsterdam wachsen zu sehen."
Die Reform von 2025 wird Jahre brauchen, bis sie ein Urteil erlaubt: Die Kinder, die heute in Hoorn oder in Haarlem trainieren, werden nicht vor 2032 debütieren. Bis dahin bleibt die Eredivisie, was sie ist, die Liga, in der man die Fußballer zuerst sieht, denen später anderswo applaudiert wird. Wenn du mit ihren Szenarien spielen willst, geht das bei Fut Simulator Pro mit echten Daten.
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